Es gibt eine Geschichte, die schon längst erzählt gehört. Erinnert ihr euch, dass ich mich nach meinem ersten Tag in der Gegend über die Gleichförmigkeit der Straßen beschwert habe? Wie gleichförmig diese Straßen wirklich sind, das habe ich dann Tage später festgestellt, als ich beschloss, mich auf den Weg zum Supermarkt zu machen. Das wusste ich im Vorhinein:

  1. mit dem Auto ist man ganz schnell dort
  2. angeblich braucht man zu Fuß 15 Minuten
  3. am Plan schaut alles ganz einfach aus

Gut, das hier ist vereinfacht, was der Plan mir sagte und wie Linde sich das ganze vorgestellt hat. Also, gute Nachricht: eigentlich kann ich mich gar nicht verlaufen, wegen den dicken schwarzen Linien. Die symbolisieren nämlich die großen, 4 spurigen Straßen, die das Vorstadtidyll-Gasserlwerk einrahmen. Deswegen, dachte ich, kann doch gar nix schief laufen. Ich müsse nur so lange nach rechts und oben wandern, bis ich spätestens auf eine der zwei großen Straßen treffe. Dann wüsste ich, dass ich zB. nicht mehr nach recht sondern nur mehr nach oben gehen müsse. Deppensicheres System, denkt Linde und wandert frohgemut los (natürlich ohne Plan*). Ich komme mir unglaublich selbstständig und zielbewusst vor, Musik im Ohr und guten Mutes. Und dann, wirklich, ich komme zu einer großen, großen Kreuzung. Nur, wo ist der Supermarkt?

Nicht da, sondern ganz woanders, wie ich nach dem Studium diverser Busfahrpläne feststelle. Noch immer guten Mutes denk ich, dass ich ja nur ganz einfach nach rechts gehen muss. Und dann, voila, der Supermarkt. Der ganze gute Mut geht mir nur mit vermehrten Straßenstaub, Autogejaule und augeneinschläfernder Landschaftsgestaltung verloren. Nur, ganz verloren bin ich noch nicht. Die nächste große Kreuzung taucht auf. JUHU! Mein Hirn, inzwischen müde und gar nicht mehr so selbstbewusst, ist sich nicht mehr ganz sicher: war der Supermarkt nun wirklich DIREKT AN der großen Kreuzung oder sonst wo? Und wie weit muss ich noch nach Hause gehen? Wie lange hat der Supermarkt eigentlich offen? Und wie dringend brauch ich heute Abend wirklich etwas zu essen? Sprich: WILL NACH HAUSE, BIN SOOO MÜDE! Mit dem letzten bisschen Enthusiasmus beschließe ich, dass der Supermarkt in der Gegend sein muss und beginne mehr oder weniger (ok, eher weniger) zielgerichtet zu suchen. Aber erst als schon alle Hoffnung auf Abendessen irgendwo in meinem müden Hirn verschwunden ist: da, der Supermarkt. Und, was für eine Freudenbotschaft: er hat sogar bis 9 Uhr abends offen. Das Einkaufen war eine reine Freude, der Heimweg eher nicht, aber er war, so ich mich erinnern kann, erstaunlich effizient.

Nun, nach meinem ersten Erfahrung und weiteren Planstudien, nahm ich nach einigen Tagen meinen nächsten Versuch in Angriff. Ich wusste, nicht zu weit links, nur nicht zu weit links. Nun, ich erspare euch diesmal die Details, aber eins kann ich sagen, zu weit links war ich nicht. Erst das dritte Mal hatte ich begriffen: in dieser Vorstadt-Reihenhaus-Idylle ist man mit meinen Orientierungsmitteln (Landmarken und Bauchgefühl) hoffnungslos verloren. Erst als ichsorgfältig genaue Wanderrouten inklusive Straßennamen memorierte, schaffte ich, was ich anfangs für so selbstverständlich hielt: 30 Minuten hin und retour. Jucheee!

Übrigens: vor einer Woche wollte mir dann Barbara unbedingt IHREN kürzesten Weg zum Supermarkt aufdrängen. Denkste, ich hab mir meinen Weg so schwer erarbeitet, den geb ich nicht her, erst recht nicht für vielleicht 2 Minuten Zeitersparnis.